Neue Möglichkeiten für Kosmetik-Einzelhändler

RFID in der Kosmetikbranche: Die Bricks-&-Mortar-Läden sind bereit für ein Umstyling

Das Problem der Lagerbestandsverwaltung ist so alt wie der Einzelhandel selbst. Wenn also Bricks-and-Mortar-Geschäfte modernisiert und digitalisiert werden sollen, sollten ihre Lagersysteme dann nicht auch einer Modernisierung unterzogen werden? Die Radiofrequenz-Identifikation (RFID) hat sich aufgrund der Notwendigkeit von Innovationen im Lagerhaltungsmanagement nach und nach im Bereich Fashion Retail etabliert. Das Einzigartige an der Technologie liegt darin, dass jedes einzelne RFID-Etikett eine kleine Funkfrequenz aussendet. Ein RFID-Lesegerät empfängt in Sekundenschnelle hunderte dieser Signale  aus mehreren Metern Entfernung, ohne dass dafür eine direkte Standortverbindung erforderlich ist. Das Etikett teilt dann alle Daten mit, die auf ihm kodiert sind. Normalerweise sind dies Artikelinformationen, Datums- und Zeitangaben sowie Versandinformationen, aber theoretisch liegt die einzige Beschränkung dessen, was auf dem Etikett gespeichert und verwendet werden kann, in der Vorstellungskraft der Konstrukteure und Ingenieure.

Grundsätzlich ermöglicht RFID ein unglaublich schnelles und effizientes Bestandsmanagement, in dem menschliches Versagen kaum mehr stattfindet. Das bedeutet, dass die Bestandsgenauigkeit deutlich ansteigt (mit RFID werden bis zu 99 % erreicht) und die Arbeitszeit drastisch sinkt. Die Technologie ermöglicht auch eine weiterentwickelte Nutzung, z. B. einen schnelleren Point of Sale oder die Ermöglichung von Omnichannel-Diensten – etwas, das sich die Modebranche in den letzten Jahren gut zunutze gemacht hat.    

            Wenn die Technologie also so vorteilhaft ist, warum dominiert sie dann nicht schon alle Einzelhandelsmärkte? Ursprünglich waren RFID-Etiketten nicht nur ziemlich teuer (Im Durchschnitt kosten sie 1 USD pro Etikett.), sondern sie waren auch oft zu groß, um sie an kleinere Produkte anzuheften. Deshalb war RFID für viele Einzelhändler weder in finanzieller noch in logistischer Hinsicht sinnvoll, insbesondere in Märkten, in denen ein einzelnes Produkt nur einen geringen Wert hatte. Ein weiteres Problem bestand darin, dass RFID-Signale von metallischen und flüssigen Produkten gestört wurden, weshalb eine Anheftung von RFID-Etiketten an bestimmte Produkte keine verlässlichen Ergebnisse erzielte.

Diese Hindernisse waren für den Erfolg von RFID in vielen Branchen, einschließlich der Schönheits- und Kosmetikbranche, fatal. Da in der Modebranche jedoch hohe Stückpreise und die Notwendigkeit genauer Daten zu Lagerbestand und Artikelverfügbarkeit vorherrschen, waren RFID-Etiketten dort ein voller Erfolg. Diese Erfolgshindernisse in anderen Märkten verschwinden jedoch zunehmend, und das Geschäftspotenzial von RFID wächst weiter. Die Beauty-Branche könnte nun versuchen, die Etiketten zu nutzen und ähnliche oder vielleicht sogar bessere Ergebnisse als in der Bekleidungsbranche zu erzielen.  

Was hat sich geändert?

Die Beauty-Branche ist seit einiger Zeit bestrebt, RFID-Lösungen zu implementieren. Zu den früheren Bemühungen zur Bekämpfung dieser Einschränkungen gehörte die Verwendung von „intelligenten Verpackungen“, mit deren Hilfe die Anheftung von RFID-Etiketten an Kosmetikprodukte möglich wurde, wenn ihre Verpackungen nicht nur groß genug waren, um für die Etiketten überhaupt tragfähig zu sein, sondern auch im Stande waren, die Störungen zu verhindern, die metallische oder flüssige Produkte verursachten. Dadurch wurde der Einsatz von RFID in der Kosmetikbranche möglich, wenn die Anbieter von Kosmetik-Produkten bereit waren, diese zusätzlichen Schritte zu unternehmen. Da die Lösung jedoch in die Produktverpackung integriert war, war sie nicht für jedes Produkt geeignet und lag letztendlich nicht in den Händen der Einzelhändler, sodass ein Überblick über den ganzen Ladenbestand nur selten möglich war.

            Wenn wir auf einen Heureka-Moment für RFID warten würden, ist das Warten möglicherweise vorbei. Erst in diesem Monat kündigte das RFID-Schwergewicht Avery Denison, ein Hersteller von RFID-Etiketten, die Einführung seiner ersten Etiketten an, die auf metallischen Produkten funktionieren. Dies ist ein enormer Durchbruch für die Beauty-Branche und könnte die Wunderwaffe für die größte Eintrittsbarriere von RFID sein. Da die Lösung erst seit kurzem verfügbar ist, wurde sie noch nicht in großem Umfang angewandt. Da die neuen Etiketten jedoch sowohl mit flüssigen als auch mit metallischen Produkten funktionieren, sind Beauty-Produkte plötzlich RFID-tauglich geworden.     

            Dieser Durchbruch wäre jedoch bedeutungslos, wenn die Etiketten noch zu groß wären, um an kleineren Produkten angebracht zu werden, oder wenn sie zu teuer wären, um dies wirtschaftlich wirklich zu rechtfertigen. Zum Glück gibt es in beiderlei Hinsicht gute Neuigkeiten. Wie bei jeder neuen Technologie sinkt der Preis für RFID-Etiketten seit ihrer Erfindung schrittweise. Während für ein einzelnes Etikett früher ein Preis von etwa 1 USD erhoben werden konnte, liegt der Preis heute eher bei 3c. Die Größe der Etiketten ist in ähnlicher Weise geschrumpft, weshalb Etiketten physisch nun auf jedes Produkt oder dessen äußere Verpackung auf praktikable Weise angebracht werden können. Dies ist eine großartige Nachricht für die Kosmetikbranche, da viele Kosmetikprodukte recht klein sind und externe Abzieh-Etiketten, wie sie in der Bekleidungsbranche Verwendung finden, hier nicht geeignet sind. Deshalb ist der Anwendungsbereich, den Einzelhändler bei der Anbringung von Etiketten an einzelne Produkte haben, nun weitaus größer als in der Vergangenheit.

Neue Möglichkeiten für Kosmetik-Einzelhändler

Wir haben also Anzeichen dafür gefunden, dass die Technologie endlich einen Punkt erreicht hat, an dem sie in der Kosmetikbranche eingesetzt werden kann. Aber warum sollten wir uns dafür interessieren? Wie können Einzelhändler von Kosmetikprodukten von der Technologie profitieren? Und, was vielleicht noch wichtiger ist: Was kann sie beim Kunden bewirken?

 

Effiziente und genaue Bestandszählung

Wir beginnen mit dem grundlegendsten Prinzip: RFID revolutioniert die Bestandszählung. Dies mag zwar als ein weniger bedeutsames Detail erscheinen, doch die Genauigkeit und Geschwindigkeit, mit der die Bestände erfasst werden, bildet das Rückgrat der unternehmerischen Argumentation für RFID. Da die Produkte bereits mit RFID-Etiketten versehen sind, wenn sie in den Filialen und Distributionszentren ankommen, wird die Bestandsverwaltung so völlig mühelos. Die Erfassung der Bestände ist dann nur noch eine Frage von Sekunden anstatt Minuten (mithilfe von Barcodes) oder sogar Stunden (mit Bleistift und Klemmbrett). Diese Effizienzsteigerung hat zwei große Auswirkungen auf Einzelhändler in der Kosmetikbranche. Die erste besteht in der Verringerung der Arbeitsintensität bei der Bestandsverwaltung. Die Auszählung von RFID-Beständen nimmt nicht nur die Zeit der Einzelhandelsmitarbeiter in Anspruch, sondern ein vollständiger und transparenter Überblick über die Bestandssituation gestaltet auch das Wiederauffüllen im Ladengeschäft mit Produkten aus dem Lager deutlich einfacher. Intelligente Inventarsysteme können Warnmeldungen anzeigen lassen, wenn Artikel nachgefüllt werden müssen, sodass die Mitarbeiter weniger Zeit für die Überwachung der Bestände in den Ladenregalen aufwenden müssen.

 

Umsatzsteigerung

Die andere hauptsächliche Auswirkung einer Bestandszählung mithilfe von RFID besteht in der Erhöhung der Bestandsgenauigkeit für Einzelhändler. Die branchenübliche Bestandsgenauigkeit ohne RFID liegt bei etwa 70 % (obwohl die Einzelhändler oft nicht merken, dass sie so niedrig ist) im Vergleich zu 99 % bei Verwendung von RFID. Diese Bestandsgenauigkeit in Verbindung mit der vereinfachten Wiederauffüllung der Ladenregale steigert die Artikelverfügbarkeit und damit den Abverkauf, da verhindert wird, dass Artikel ausverkauft sind.  Während traditionelle Einzelhandelsgeschäfte in der Kosmetikbranche häufig zwischen einer Vernachlässigung der Bestandsgenauigkeit oder den monetären Verlusten durch höhere Lohnkosten oder entgangene Abverkäufe wählen mussten, steht Einzelhändlern, die RFID nutzen, das Beste beider Welten offen. Diese Genauigkeit und Effizienz erstreckt sich über die gesamte Supply Chain, erhöht die Versandgenauigkeit, unterstützt die Logistik in Lagern und Distributionszentren und bietet vor allem einen umfassenden Überblick über den Bestand. Die gesteigerte Prozesseffizienz ist vielleicht die bedeutsamste Art, auf die RFID im Einzelhandel einen Mehrwert schafft. Die Folge davon ist, dass Einzelhandelsmitarbeitern mehr Zeit für den Kundenservice bleibt, was deren Einkaufserlebnis verbessert und den Umsatz erhöht. Einzelhändler von Kosmetikprodukten könnten diese Ergebnisse noch weiter steigern, indem sie mit RFID schnellere Point-of-Sale-Lösungen implementieren.

Da genaue Bestandszahlen sowohl im Ladengeschäft als auch in Vertriebszentren mühelos verfügbar werden können und die Etiketten so billig sind, können Einzelhändler in der Kosmetikbranche realistischerweise davon ausgehen, eine vollständige Bestandsübersicht über die gesamte Supply Chain hinweg zu erreichen. Aber was wird damit erreicht?  Die Transparenz auf Artikelebene eröffnet das wahre Potenzial von RFID, da so innovative Lösungen und Use Cases implementiert werden können, wodurch sich die Dauer bis zur Amortisation drastisch verkürzt.

Verringerung des Warenverlustes

Eine der größten Herausforderungen für viele Einzelhändler in der Kosmetikbranche ist beispielsweise der Inventarschwund. Der durchschnittliche Prozentsatz von Inventarschwund im Einzelhandel beträgt im Allgemeinen etwa 2 % des Umsatzes, was einem weltweiten Verlust von 49 Milliarden US-Dollar entspricht. Ein umfassender Überblick über die Artikel gäbe den Einzelhändlern in der Kosmetikbranche die Mittel an die Hand, um diesem bedenklichen Problem zu begegnen. Mit der vollständigen Transparenz der Supply Chains werden einzelne Artikel vollständig rückverfolgbar, sodass Einzelhändler genau feststellen können, an welchem Punkt der Inventarschwund auftritt, und die Ursache dementsprechend bekämpfen.

Die begrenzte Lagerfähigkeit ist eine weitere Ursache für den Inventarschwund in der Branche; eine, dem RFID wirkungsvoll begegnen kann, da das Haltbarkeitsdatum auf dem Etikett selbst gespeichert werden kann. Nach dem Scannen können Einzelhändler auf diese Informationen als Erweiterung des 100-prozentigen Überblicks über den Warenbestand zugreifen. Mit diesem vollständigen Überblick über den Lagerbestand würde den Mitarbeitern nicht nur mitgeteilt, wenn Artikel aus dem Lagerraum nachgefüllt werden müssen, sondern auch, bei welchen Artikeln das Verfallsdatum näher rückt, bzw. welche Artikel es bereits überschritten haben. Die Automatisierung der Überwachung dieses Prozesses zusammen mit der Wiederauffüllung würde die Effizienz weiter steigern und die Einzelhändler rückversichern, dass der Preis der entsprechenden Produkte rechtzeitig herabgesetzt wurde und sie somit verkauft werden, bevor sie das Haltbarkeitsdatum überschritten haben, was dem Inventarschwund entgegengewirkt und den Umsatz aktiv steigert.

 

Erschließung des effektiven Omnichannel-Handels

Eine vollständige Übersicht über die Artikel hätte auch zur Folge, dass Einzelhändler in der Kosmetikbranche endlich vom Aufkommen von Omnichannel profitieren könnten. Die Strategie wird im Einzelhandel zu einer so stark dominierenden Kraft, dass sie immer weniger eine bloße Option ist und vielmehr zu einer Notwendigkeit wird. Die Kosmetikbranche reizt Omnichannel noch nicht voll aus, da viele Einzelhändler zwar über mehrere Kanäle hinweg auftreten, diese jedoch nicht so vollständig integriert oder vernetzt sind, wie sie es sein könnten.  Laut einem Bericht von Newport ermöglichen derzeit nur 36 % der Marken eine Übersicht über die im Laden erhältliche Artikelpalette, die die Kunden entweder online oder als mobile App einsehen könnten, obwohl 80 % der Kunden online recherchieren, bevor sie überhaupt nur einen Fuß in ein Ladengeschäft setzen. Diese Erfahrung der nahtlosen Integration des Einkaufserlebnisses über alle Kanäle hinweg wird von den Verbrauchern immer mehr erwartet, da die Nachbarbranchen wie die Bekleidungsbranche dies bereits anbieten. Vielleicht liegt der Hauptgrund dafür, dass die Kosmetikbranche länger braucht, um sich Omnichannel effektiv zunutze zu machen, in der Notwendigkeit einer vollständigen Artikelübersicht, damit dies überhaupt möglich wird. Die Verflechtung mehrerer Shopping-Kanäle miteinander erfordert einen vollständigen Überblick über die Lagerbestände, was Brick-and-Mortar-Geschäfte zu digitalen Knotenpunkten macht. Nun, da der Kosmetikbranche endlich die vollständige RFID-Implementierung in Aussicht steht, kann sie sich darauf freuen, von den damit verbundenen Omnichannel-Möglichkeiten zu profitieren.

Die Omnichannel-Erfahrung ist ein gutes Beispiel, aber sicher nicht das einzige, dafür, wie die Beauty-Branche RFID nutzen kann, um das Engagement der Konsumenten aktiv zu steigern. Bestehende Technologien wie Chatbots, die in anderen Märkten  zum Einsatz kommen, könnten in Kosmetikgeschäften leicht Wirkung zeigen, indem sie den Kunden Produkte empfehlen und sie über ihre Verfügbarkeit informieren. Sobald sich RFID etabliert hat, werden zweifellos auch branchen- und anforderungsspezifische Lösungen für die Kundenbindung auf den Markt kommen.  Die Technologie und ihre Anwendungen sind letztendlich sehr flexibel, sodass sie entsprechend angepasst werden können, um marktspezifische Lösungen bereitzustellen. Um diesen Punkt zu erreichen, muss sich die Kosmetikbranche aber zuerst auf die Technologie einlassen. Erst dann können wir wirklich ihr volles Potenzial sehen.

 

(Ursprünglich veröffentlicht am WhichPLM.com)

Haben wir Ihr Interesse geweckt?

Sind Ihre Technologieinvestitionen einseitig, wenn es darum geht, das Kundenerlebnis zu verbessern?
Was ist RFID und wie wirkt es sich auf die Einzelhandelslandschaft aus?
Business Reporter und The Telegraph unterhielten sich mit Kim Berknov, Executive Chairman von Detego

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